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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 21 | 2023 Das Schüßler-Plan Prinzip

Artikel | Baukultur

Baukultur und Nachhaltigkeit als Leitbild für Ingenieurbau und Infrastruktur 

Das „K-Wort“ Kultur hat es in unserer zahlendominierten Welt schwer. Masse statt Klasse scheint allerorten die gesellschaftliche und politische Parole zu sein. Das betrifft auch die Baukultur, die häufig allein mit ästhetischen oder denkmalbezogenen Anliegen verbunden wird. Dabei geht es um unsere Kulturtechniken der lösungs- und ergebnisorientierten Zusammenarbeit beim Planen und Bauen, ohne die sich die aktuellen ressourcen- und umweltpolitischen Herausforderungen gar nicht mehr lösen lassen. Und es geht immer um Gestaltung dessen, was gebaut wird. Auch beim Ingenieurbau und bei der Infrastruktur.

Von Verkehrsbauten über Bildung, Gesundheit bis zu Kulturimmobilien ist unser Gemeinwesen nicht nur vom Vorhandensein daseinsbezogener Infrastruktur abhängig, sondern auch von deren durchdachter Funktionalität und hoher Gestaltqualität. Nach unserer 2021 durchgeführten Umfrage der Bundesstiftung Baukultur finden 80 Prozent der Bevölkerung, dass Infrastrukturbauten optisch ansprechend gestaltet werden sollten. Auf die Gegenfrage, ob das in der Regel der Fall ist, antworten 55 Prozent mit nein. Das ist nicht nur für die Baukultur, sondern vor allem für die Ingenieurbaukunst ein schlechtes Zeugnis. Es ist der Anlass für uns, dem Thema Infrastruktur mit dem kommenden Baukulturbericht 2024/25 nachzugehen und herauszufinden, was verantwortungsvolles Planen und Bauen in Bezug auf Infrastrukturprojekte bedeutet. Das beginnt mit den Themen Straße und Schiene, geht über Klimaanpassung und Prozesskultur bis zum Energiesektor und bezieht die baukulturelle Ausbildung von Planungsberufen bis zum Handwerk mit ein.

Ingenieurbauwerke wie Eisenbahnbrücken, Aquädukte, Staudämme, Windräder oder Fernsehtürme prägen unsere Umwelt seit jeher und können identitätsprägend für Städte und Regionen sein. Dennoch ist Infrastruktur häufig ungesehen – solange sie funktioniert. Sie wird erst zum Thema, wenn sie kaputt ist. Es ist daher wichtig, in der breiten Bevölkerung das Bewusstsein für die baukulturelle Dimension von Infrastruktur zu steigern, um eine dauerhafte Pflege und einen nachhaltigen Umgang mit vorhandenen Infrastrukturbauten zu fördern.

Der Sanierungsstau von Gebäuden der Infrastruktur wie Schulen und Krankenhäusern, aber auch von Straßen und Schiene ist hoch: Tausende Brücken müssen beispielsweise in Deutschland saniert werden. Viele Brücken wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren in Spannbetonbauweise erbaut und waren seitdem täglich hohen, die Substanz „ermüdenden“ Belastungen ausgesetzt. Statt einer Ertüchtigung drohen oft Abriss und Ersatzneubau. Gleichzeitig herrscht Ressourcenknappheit, vor allem beim Baustoff Stahl oder Beton. Hier müssen die den Lebenszyklus der Materialien restriktiv bewertenden Normen teilweise hinterfragt werden, um unnötige Abrisse zu vermeiden und eine neue Umbaukultur auch im Bereich der Infrastruktur zu etablieren. 

Eine frühzeitige Einbindung von uns Ingenieur*innen ist für den Projekterfolg unabdingbar, da in den frühen Leistungsphasen der Grundstein für eine qualitative, ressourcenschonende und klimagerechte Planung gelegt wird. Hier stehen wir unseren Auftraggeber*innen gerne beratend zur Seite.

Christina Zimmermann
Geschäftsführende Gesellschafterin,
Schüßler-​Plan
Die große Transformation

Im Energiesektor steht die umfassende Transformation zu erneuerbaren Energien an. Wenn wir aber unsere Gebäude und Bauwerke mit primärenergieintensiver Wärmedämmung verkleben, ist nicht viel gewonnen. Städte- und Ortsbilder leiden. Sektorenübergreifende Planungsansätze und Augenmaß sind gefragt, um Synergieeffekte auch für eine Aufwertung der Umfeldqualität zu erzeugen. Dezentrale Ver- und Entsorgungssysteme sind dabei hilfreich. Ein vielversprechender Lösungs- ansatz, um den Herausforderunge der Energiewende zu begegnen, stellt die Quartiersebene dar. Förderformate wie das KfW-Programm „Energetische Stadtsanierung“ oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz begünstigen diese Quartiersansätze. Ein positives Beispiel stellt die Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen dar. Statt die Häuser der Gartenstadt vollständig in Wärmedämmung zu kleiden, soll durch energetische Sanierung, innovative Gebäudetechnik und intelligente elektrische, thermische und digitale Vernetzung das denkmalgeschützte Quartier energetisch optimiert werden.

Um unsere gebaute Umwelt darüber hinaus an den nicht mehr abwendbaren Klimawandel anzupassen, muss vor allen Dingen die blau-grüne Infrastruktur ausgebaut werden. Der Überhitzung der Städte kann durch intensives Stadtgrün und Wasserflächen sowie zusätzliche Verschattungsflächen entgegengewirkt werden. Insgesamt wird das Thema Siedlungswasserwirtschaft künftig eine größere Rolle spielen. So müssen Starkregenereignisse abgefedert werden, zum Beispiel durch die Entsiegelung von Flächen und ein effektives Regenwassermanagement. Aber auch der Hochwasserschutz muss ausgebaut werden, wie uns zuletzt die Überflutung im Ahrtal gezeigt hat. Es braucht also ein neues Gestaltleitbild für die Stadt: grüner, blauer, vielfältiger.

Die Nationale Wasserstrategie von März 2023 gibt den neuen Umgang mit der Ressource Wasser vor – „versickern, speichern, sparen und vernetzen“ lauten die wichtigsten Schlagworte. Städte sollen künftig wie Schwämme funktionieren: Bei starken Regenfällen soll das Wasser von Grün- und Freiflächen aufgenommen und gespeichert werden. Der Fokus liegt darauf, Flächen zu entsiegeln und natürliche Bodenfunktionen wieder herzustellen. Naturnahe Grünräume wie Auenwälder sowie gestaltete Grünräume wie städtische Parks leisten hierzu einen wertvollen Beitrag. In den Baukulturberichten der Bundesstiftung werden gute Beispiele vorgestellt, in denen Gewässer freigelegt oder neu angelegt wurden, um die Klimaanpassung mit der Schaffung attraktiver Stadträume zu verbinden. Beispiele sind hier das Kieler Holstenfleet oder die Flussfreilegung und Renaturierung in Siegen.

Materialbestand in Deutschland pro Kopf
Quellen: Wuppertal Institut 2022, 2017

Positiv wirksam werden

Alle diese Herausforderungen brauchen kompetente Planende und passende Planungsverfahren. Hier zeigt sich, dass gelingende Baukultur häufig das Ergebnis einer ausgewogenen Prozesskultur ist. Die sogenannte Phase Null im Vorlauf von Projekten ist dabei entscheidend. Hier sind alle maßgeblichen Informationen und Kenntnisse der Rahmenbedingungen zu ermitteln, die im späteren Prozess relevant werden. Dafür müssen von Anfang an interdisziplinäre Teams gut zusammenarbeiten. Und selbstverständlich ist bei allen Teilaufgaben Gestaltungskompetenz gefragt. Auch und gerade bei Ingenieur*innen. Auch wenn im Leistungsbild der HOAI bei der Vorentwurfs- oder Objektplanung nicht ausdrücklich von Gestaltung gesprochen wird, so ist sie doch selbstverständlicher Bestandteil jeden Ingenieurbaus. Und das gilt von der Bauleit- und Verkehrsplanung bis zum Tiefbau und zur Tragkonstruktion. Jede Baumaßnahme wirkt sich auf unsere Umwelt aus und muss angemessen gestaltet werden. Hier liegt vielleicht neben der technischen Fachkenntnis und dem Pionier- und Erfindergeist das größte Potential für Ingenieur*innen, positiv für unsere Gesellschaft wirksam zu werden.

Um Ingenieurbaukunst noch stärker zum Bestandteil der Baukultur zu machen, ist eine stärkere Verankerung von baukultureller Bildung in der Ausbildung von Ingenieur*innen und Architekt*innen wichtig. Auch das Bewusstsein für die Bedeutung des eigenen, planenden Teilbeitrags zum großen Ganzen ist zu betonen. Der berühmte Satz von Architekt Luigi Snozzi, „Wenn du ein Haus baust, denke an die Stadt“, ist für das Ingenieurwesen umzuformulieren in „Wenn du an einem Bauwerk mitwirkst, nutze deinen Einfluss für das Gemeinwohl“. Hier schließt sich der Kreis zu den Kammer- und Ingenieurgesetzen, nach denen alle Ingenieurberufe ihr Wissen über Natur und Technik positiv für die Gesellschaft einsetzen sollen. Baukultur sollte daher auch im Infrastrukturbau in Zukunft noch stärker die Richtschnur unseres Handelns sein. 

Reiner Nagel ist Architekt und Stadtplaner. Seit Mai 2013 ist er Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. 

Text /  Reiner Nagel
Foto / Andreas Meichsner für die Bundesstiftung Baukultur