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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 25 | 2025 Die Kraft der Infrastruktur

Artikel l Demokratie und Infrastruktur

Schluss mit der Indifferenz!

Infrastruktur ist Freiheit. Ein ausgebautes, funktionierendes Versorgungsnetz erfüllt die notwendigen Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben. Unser Autor bedauert, dass diese gemeinschaftliche Bindekraft nicht mehr Achtung findet, und erklärt, wie die Infrastruktur zu neuer gesellschaftlicher Bedeutung finden könnte.

1990 begann der Bau des Rheinufertunnels. Dreieinhalb Jahre später wurde er eröffnet und ein neues Stadtbild entstand. Schüßler-Plan verantwortete die Tragwerks- und Objektplanung sowie das Baumanagement.

Wäre das 19. Jahrhundert so kleinmütig gewesen wie unsere Gegenwart, wäre die Bahn nie gebaut worden. Auch gäbe es keine Stromtrassen, Kläranlagen, Wasserleitungen, fast die gesamte Infrastruktur ist einer überschießenden Zuversicht zu verdanken: einem kollektiven Wollen und dem Glauben daran, dass man heute etwas erdenken, planen und errichten muss, damit morgen oder auch erst übermorgen die Welt anders ausschaut. Infrastruktur hört sich nach Technik an, gemeint ist aber Selbstlosigkeit: die allgemeine Bereitschaft, etwas ins Werk zu setzen, das sich erst für künftige Generationen rechnen wird.

Und noch etwas kam im 19. Jahrhundert dazu: der entschiedene Wille, die eigene Selbstlosigkeit zu rühmen. Zwar haben Bahnhöfe, Brücken, Wassertürme einen rational gesinnten Erfindergeist, aber niemand verstand sie bloß als Zweckbauten, kalt und gemütsarm. Im Gegenteil, Infrastruktur hieß Formenrausch, hieß Erzählfreude. Bahnhöfe sollten wie Kathedralen aussehen oder wie Burgen, und selbst Klohäuschen dachte man sich mitunter als kleine Renaissancepaläste. Denn Infrastruktur bedeutete Stolz: Hier feierte sich die Verwegenheit. Und obwohl es oft ein vertrauter Formenkanon war, der die neuen Bauten prägte, sprach daraus doch die Gewissheit, in den Formen der großen Geschichte eine noch größere Zukunft erblicken zu können. Technik war Schönheit, und die Schönheit sollte ungeahnte Kräfte wecken.

Freiheit

Unsere Gegenwart hat für solche Kräfte kaum etwas übrig. Denn obwohl die Gesellschaft sehr viel reicher ist als die des 19. Jahrhunderts, ist sie zugleich arm und verknausert, vor allem, wenn es um immaterielle Werte geht, um all das, was sich in Excel-Tabellen nicht fassen lässt und dennoch unverzichtbar bleibt. Denn was sich einst in der Schönheit des Nützlichen zeigte, in stolzen Bahnhofshallen und majestätischen Brücken, waren ja nicht bloß Zuversicht oder Stolz. Es war vor allem eine Erfahrung der Freiheit.

Genau das bedeutet Infrastruktur: Mir wird vieles abgenommen. Ich kann mich freier bewegen, weil es Brücken gibt und ich kein Boot benötige, um ans andere Ufer zu gelangen. Zur Freiheit gehört auch, auf meinem Weg durch die Welt nicht permanent durch Fäkalien und Abwässer stapfen zu müssen, denn es gibt Abwasserrohre, Kläranlagen, eine Infrastruktur, die mir viele Krankheitskeime vom Leib hält. Erst Infrastruktur ermöglicht einer Mehrheit der Menschen ein gelöstes, emanzipiertes Dasein.

Was die Gesellschaft zusammenhält

Umso naheliegender wäre es, mehr in all das zu investieren, was die Gesellschaft auf technische und eben auch auf soziale Weise verbindet. Doch mit Appellen allein, mit vielen weiteren Milliarden wird der eigentliche Grund für defekte Stellwerke, löchrige Straßen oder marode Brücken nicht behoben. Denn die Misere ist nicht bloß ein technisches, sie ist auch ein geistiges Problem. Sie zeugt von Ignoranz, von der wachsenden Geringschätzung für das, was eine Gesellschaft zusammenhält. Also muss sich vor allem daran etwas ändern. Wie aber könnte das gelingen?

Es gäbe, wieder mit Blick aufs 19. Jahrhundert, eine naheliegende Lösung: Der ästhetische Reiz muss neue Bedeutung gewinnen. Die Infrastruktur zu ästhetisieren heißt nicht, sie vordergründig aufzuhübschen, sie irgendwie schön oder zumindest optisch erträglich aussehen zu lassen. Ästhetisierung meint zunächst einmal: die Infrastruktur mit Wertschätzung und Neugier betrachten zu wollen. Ihre oft übersehene Leistung endlich anzuerkennen. Und diese Anerkennung nicht nur einzelnen Erfindern oder Ingenieuren zuteilwerden zu lassen, sondern sie auch als Anerkennung einer Gesellschaft zu verstehen, die sie hervorbringt, die sich darin erkennt – und sich selber wertvoll wird.

Je mehr Menschen mit Neugier auf das schauen, was sie umgibt und ihr Dasein bestimmt, auf die Brücken, die Stromkästen, die Funkmasten, desto mehr wird ihnen auffallen, wie hässlich sie oft aussehen. Und welches Desinteresse aus dieser Hässlichkeit spricht. Ein Desinteresse, das auch davon erzählt, wie gleichgültig die Gesellschaft sich selbst geworden ist. Und wie ihr damit am Ende auch die Grundlage der Demokratie abhandenkommt, die ohne gesellschaftliche Bindekräfte nicht zu haben wäre.

Hanno Rauterberg ist Kunsthistoriker und schreibt als Redakteur im Feuilleton der Zeit über Architektur und Stadtentwicklung.

Was ist unsere Zukunft wert?

Allein auf einen rein funktional bestimmten Technikbegriff zu setzen, führt in die Irre. Dorthin also, wo wir uns ohnehin schon befinden. Woher soll die erhoffte Wertschätzung kommen, wenn sie ihren Wert nicht auch gestalterisch zum Ausdruck bringt, sondern sich mit einer Ästhetik der Indifferenz begnügt? Eine solche Infrastruktur der Nicht- und Null-Wahrnehmung erzeugt in der Folge eine Indifferenz zur Welt, und also muss es niemanden wundern, wenn sich auch die Menschen indifferent verhalten, wenn sie nicht länger zugänglich sind für alles, was Zukunft war und wieder sein könnte. Erst eine Infrastruktur, die sich selbst wichtig nimmt als technische, gesellschaftliche, auch politische Bindekraft, wird ihrer wahren Bedeutung gerecht.

Text / Hanno Rauterberg
Fotos / Stadt Archiv Düsseldorf und Dirk Krüll