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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand

Reportage | Stadtbahnhaltestellen Köln

70 Meter Zukunft für eine wachsende Stadt

Unsere urbanen Räume expandieren und verdichten sich weiter. Mit dem Beschluss des Bundestages vom März 2025, den Passus „Klimaneutralität bis 2045“ im Grundgesetz zu verankern, wurde ein rechtlich verbindliches Ziel zur Stärkung des Klimaschutzes in Deutschland festgelegt. Die Kölner Verkehrs-Betriebe verfügen über ein umfangreiches Stadtbahn- und Busnetz und befördern jährlich über 200 Millionen Fahrgäste – Tendenz steigend.

Um sicherzustellen, dass der Betrieb der Stadtbahnen und elektrisch betriebener Busse klimaneutral ist, setzen die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) ausschließlich Ökostrom ein. Nach Aussagen der KVB stoßen jedoch insbesondere im morgendlichen Berufs- und Schulverkehr die Stadtbahnlinien an ihre Kapazitätsgrenze, sodass es mitunter zu Verspätungen kommt. Die theoretisch naheliegende Lösung einer Taktverdichtung ist aufgrund der Linienführung und der Parallelnutzung von Tunnel- und Gleisabschnitten im Innenstadtbereich nicht realisierbar.

Die Lösung liegt im Einsatz längerer Züge, um den öffentlichen Nahverkehr in Spitzenzeiten nachhaltig zu entlasten. Auf diese Weise kann das bestehende Netz bei unverändertem Takt und gleichem Personaleinsatz zusätzlich Fahrgastkapazitäten aufnehmen. Durch die Verlängerung der Stadtbahnen von 60 auf 70 Meter sowie der Nutzung vorhandener Systemreserven strebt die KVB eine Kapazitätssteigerung von rund 20 bis 25 Prozent an.

Umbau der Stadtbahnhaltestellen

Voraussetzung für den Einsatz der längeren Züge ist der Umbau verschiedener Haltestellen, wobei insbesondere der Brandschutz zentrale technische Anforderungen stellt. Für die geplante Kapazitätssteigerung muss sichergestellt sein, dass im Notfall auch eine höhere Zahl an Fahrgästen die Haltestelle sicher verlassen kann. Eine brandschutztechnische Begutachtung von bestehenden Haltestellen hat ergeben, dass im Zuge der geplanten Kapazitätserweiterung umfangreiche Umbauten erforderlich sind. Diese Umbauarbeiten reichen von der Ertüchtigung bestehender technischer Anlagen über die Installation schallabsorbierender Flächen zur Verbesserung der Hörbarkeit der Lautsprecheransagen bis hin zu nachträglichen brandschutztechnischen Abschottungen ganzer Bereiche sowie dem Einbau von Rauchschürzen und maschinellen Entrauchungsanlagen.

Schüßler-Plan wurde mit der Planung der brandschutztechnischen Ertüchtigung von zehn Kölner Stadtbahnhaltestellen beauftragt. Bei einigen Haltestellen werden neben der Generalplanung auch die Tragwerksplanung, der Spezialtiefbau, die Verkehrs- und Entwässerungsplanung sowie im weiteren Projektverlauf Aufgaben der Bauüberwachung verantwortet.


Herausforderungen in Randbedingungen

Die Herausforderungen beim Bauen im Bestand liegen häufig in Randbedingungen, die nicht unmittelbar aus der eigentlichen Planungsaufgabe resultieren, jedoch zwingend berücksichtigt werden müssen und einen maßgeblichen Einfluss auf die Machbarkeit und Umsetzung des Entwurfs haben. In diesem Fall hat jede Haltestelle seine individuellen Herausforderungen, die sich aus der vorhandenen Bausubstanz, bestehenden künstlerischen Gestaltungen oder Umweltfaktoren – wie der Überflutung einzelner Anlagen bei Starkregenereignissen – ergeben.
So mussten beispielsweise bei der Haltestelle Wiener Platz die Fluchtwege sowohl architektonisch als auch konstruktiv neu gedacht werden. Entwickelt wurde eine Lösung, die die zwei bestehenden Stahlstege zu einem breiten zusammenführt und diesen anschließend brandschutztechnisch von der Haltestelle trennt. So wird gewährleistet, dass die benötigte Fluchtwegbreite auch bei einem höheren Fahrgastaufkommen erreicht wird.

Bei der Haltestelle Leyendeckerstraße liegt der Fokus auf der Umsetzung der brandschutztechnischen Anforderungen und deren abgestimmter Integration in die gestalterische Gesamtplanung. Vorgesehen ist die Ertüchtigung der Tunnelwände durch eine akustische Aktivierung des Gewölbes. Dafür kommen Absorberplatten in Form einer vorgehängten Lochblechfassade zum Einsatz. Die Ausgestaltung wurde in einem eng abgestimmten Prozess zwischen dem Planungsteam, der KVB und der Stadt Köln entwickelt. Ziel war es, die funktionalen Vorgaben des Brandschutzes mit einer hochwertigen und stimmigen Gestaltung des Tunnelraums zu verbinden. Damit ist die Haltestelle ein Beispiel dafür, wie funktionale Anforderungen und architektonische Qualität im Tunnelbau schlüssig zusammengeführt werden können.

Aus Zwängen Lösungen entwickeln

Bei Starkregenereignissen wird die Bahnsteigebene der Haltestelle Geldernstraße aufgrund ihrer topografischen Lage oft überflutet. Davon betroffen sind auch die im Tunnel angeordneten Technikräume, was zu regelmäßigen Ausfällen und Beschädigungen der Anlagen führt. Da weder eine Verlegung der Haltestelle möglich ist noch Starkregenereignisse verhindert werden können, bestand die Planungsaufgabe darin, die Technikräume an die Oberfläche zu verlagern. Das in die Jahre gekommene und gestalterisch wenig prägnante Eingangsgebäude wird hierfür zurückgebaut und auf einer um die Technikflächen erweiterten Fläche als zeitgemäßer Neubau neu interpretiert. Darüber hinaus hat die Fahrebene der Haltestelle eine sehr geringe Deckenhöhe, was baulich zu einer schnellen Verrauchung des Bahnsteiges führen kann. Beim Einsatz längerer Züge und dem damit verbundenen erhöhten Fahrgastaufkommen können die erforderlichen Entfluchtungszeiten im Brandfall nicht eingehalten werden. Dies kompensieren maschinelle Entrauchungsanlagen an jedem Bahnsteig. Die Entrauchungskanäle führen in die Entrauchungszentralen des neuen Eingangsgebäudes.

Das Spannende und zugleich Reizvolle am Bauen im und mit Bestand liegt im Zusammenführen unterschiedlichster Planungsaufgaben und Randbedingungen sowie im stetigen Streben nach der optimalen Lösung, auch wenn sich eine ursprünglich bevorzugte Variante letztendlich nicht immer vollständig umsetzen lässt. Die Arbeiten an der Optimierung des ÖPNV-Netzes in Köln zeigen jedoch, dass es mit Weitblick, ingenieurtechnischem Know-how, Engagement und einem partnerschaftlichen Miteinander gelingen kann, aus bestehenden Zwängen Lösungen zu entwickeln, die das Potenzial besitzen, Infrastrukturbauwerken eine nachhaltige Qualität zu verleihen. So leistet auch Schüßler-Plan einen Beitrag dazu, mehr Menschen für den öffentlichen Personennahverkehr zu gewinnen und den Individualverkehr in Städten langfristig zu reduzieren.

Text / Christoph Steffan