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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand

Artikel l Stadtgeschichten

Die Stadt als lernendes System

Städte entstehen nicht an einem Tag, sondern Schicht um Schicht, Generation für Generation. Unsere Gastautorin, die Schweizer Architektin und ehemalige Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, versteht die gebaute Umwelt als strategische Reserve: Stadtplanung wirkt nie auf freiem Feld, sondern immer im Bestand – räumlich, sozial, infrastrukturell und kulturell.

Regula Lüscher war 2007 bis 2021 Senatsbaudirektorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung in Berlin.

Berlin war und ist ein Lehrstück. Kaum eine andere europäische Metropole ist so stark von Brüchen, Überlagerungen und politischen Systemwechseln geprägt. Der Bestand ist hier nicht nur Ressource, sondern oft auch Streitfall. Gerade darin liegt seine produktive Kraft. Der sensible Umgang mit historischen Bauten ist nie nur eine Frage des Denkmalschutzes. Er berührt das Selbstverständnis und die Identität einer Stadtgesellschaft. In Berlin betrifft das nicht allein die preußischen Bauten oder jene des Nationalsozialismus, sondern ebenso die Architektur der Nachkriegszeit, insbesondere der DDR-Moderne.
Nach der Wiedervereinigung geriet dieses Erbe massiv unter Druck. Vieles galt als ideologisch belastet oder ästhetisch überholt. Mit zunehmendem Abstand wurde jedoch deutlich, dass auch diese Bauten Zeitzeugen sind. Sie erzählen von gesellschaftlichen Vorstellungen, technischen Innovationen und politischen Realitäten.

Identität als Ressource

Ein anschauliches Beispiel ist die Hochhausentwicklung am Alexanderplatz. Ursprüngliche Planungen hätten die prägenden Bestandsbauten mehrheitlich abgebrochen. Durch eine bestandsbezogene Überarbeitung konnten jedoch Gebäude wie das Haus des Reisens oder das Haus des Berliner Verlages als identitätsstiftende Elemente erhalten und gestärkt werden. Die neue Entwicklung wurde nicht gegen den Bestand gedacht, sondern aus ihm heraus.

Bewahren heißt nicht konservieren, sondern weiterentwickeln: Die Hardware bleibt, die Programme ändern sich. Infrastrukturen sind die langlebigsten Elemente der Stadt. Verkehr, Energie, Verwaltung und kulturelle Großbauten prägen Entwicklungsmöglichkeiten über Jahrzehnte. Die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden zeigt exemplarisch, wie anspruchsvoll Bauen im Bestand unter politischen Rahmenbedingungen sein kann. Das Projekt stand unter erheblichem, politisch verursachtem Termin- und Kostendruck und verstärkte die öffentliche Aufmerksamkeit. Letztlich wurde eine Oper mit hervorragender Technik und Akustik realisiert und um ein hochmodernes Probezentrum erweitert. Solche Aufgaben stehen heute in vielen europäischen Städten an. Zahlreiche Kulturbauten wurden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs rasch wiederaufgebaut und sind nun technisch überaltert. Ihre Erneuerung verlangt hohe ingenieurtechnische Präzision und einen sensiblen Umgang mit Erinnerungswerten.
Auch unterhalb der sichtbaren Stadt setzt sich diese Verantwortung fort. Mit den Archäologischen Fenstern und dem Archäologischen Haus am Petriplatz wurden Orte geschaffen, welche die Geschichte unter unseren Füßen sichtbar machen. Archäologische Funde erweitern die zeitliche Dimension von Stadtentwicklung. Bauen mit Bestand bedeutet, die Stadt im laufenden Betrieb zu transformieren. Systeme werden angepasst, ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren.


Vom Einzelobjekt zum Stadtraum

Noch komplexer wird Bauen im Bestand, wenn nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Stadtlandschaften betroffen sind. Mit dem politisch gescheiterten Konzept der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2020 unter dem Leitmotiv „Draußenstadt wird Drinnenstadt“ wurde der Bestand der Nachkriegsmoderne ins Zentrum gerückt. Großzügige Freiräume, funktional getrennte Strukturen und autoorientierte Erschließungen galten lange als Defizit, bergen jedoch bislang unterschätzte Qualitäten.

Ziel war es, Nutzungsmischung zu stärken, neue Mobilitätskonzepte zu integrieren, gemeinwohlorientierte Infrastruktur einzubetten sowie bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und zu ergänzen. Aus monofunktionalen Wohnlandschaften sollten lebendige Quartiere werden, ohne ihre räumliche Großzügigkeit zu verlieren. Auch ohne IBA bleibt dies die zentrale Aufgabe europäischer Städte: die sozial verträgliche Transformation des Wohnungsbaubestandes und die Aktivierung verborgener Reserven.
In diesem Zusammenhang ist auch das Thema der „Schlafenden Riesen“ zu verstehen. Bauten wie das ICC, der Flughafen Tempelhof, der Flughafen Tegel oder die ehemalige Stasizentrale sind räumlich überdimensioniert, technisch komplex, emotional aufgeladen und politisch sensibel. Gerade in ihrer Maßstäblichkeit liegt ihr Potenzial. Ihre Umnutzung erfordert Baukunst, kluge Programmierung und vielfältige Akteurskonstellationen, um wirtschaftliche Tragfähigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen. Transformation bedeutet hier nicht Abriss und Neubeginn, sondern das Herausarbeiten verborgener Möglichkeiten.

Stadt weiterschreiben

Der anspruchsvollste Aspekt ist die Zeit. Städte denken in Generationen, politische Entscheidungsprozesse in kürzeren Zyklen. Dass die IBA 2020 thematisch die Politik überforderte und nicht zur Umsetzung kam, zeigt dies beispielhaft. Jede bauliche Intervention ist politisch, besonders das Bauen im Bestand, denn sie wirkt auf soziale Strukturen, Mobilität, Klimaziele und wirtschaftliche Dynamiken.

Das Projekt Haus der Statistik am Alexanderplatz verdeutlicht diese Wechselwirkungen. Der leerstehende Gebäudekomplex der DDR-Moderne sollte ursprünglich abgerissen werden. Eine zivilgesellschaftliche Initiative, die „Zusammenkunft“, machte früh auf sein Potenzial aufmerksam. Daraus entstand die Kooperation „Koop 5“: Senatsverwaltungen, Bezirk, landeseigene Unternehmen und Zivilgesellschaft entwickeln das Areal partnerschaftlich.

Der Bestand bleibt erhalten, wird energetisch ertüchtigt und programmatisch neu bespielt. Wohnen, Verwaltung, Kultur und soziale Einrichtungen entstehen nebeneinander. Beteiligung ist kein Anhängsel, sondern integraler Bestandteil des Prozesses. Dort, wo transformiert wird, leben bereits Menschen mit ihren Geschichten. Ihre Perspektiven bereichern das Projekt, auch wenn sie Prozesse komplexer machen.

Bauen im Bestand zwingt dazu, Zielkonflikte auszuhalten: zwischen Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit, zwischen Tempo und Sorgfalt, zwischen politischen Erwartungen und baulicher Realität. Es ist ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess.
Berlin hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach grundlegende Transformationen erlebt. Gerade diese Erfahrung zeigt, dass Städte lernfähig sind. Das umstrittene Erbe der DDR-Moderne wird neu bewertet. „Schlafende Riesen“ werden als Ressourcen begriffen. Beteiligungsprozesse verändern Planungsverständnisse und verorten Projekte nicht nur räumlich, sondern gesellschaftlich.

Bestand ist kein Hindernis, sondern die größte strategische Ressource. In ihm stecken graue Energie, räumliche Qualität, soziale Netzwerke, kulturelle Erinnerung und architektonische Juwelen. Wer das Gesamtsystem Stadt ernst nimmt, erkennt: Zukunftsfähigkeit entsteht nicht primär durch spektakuläre Neubauten, sondern durch die kluge Transformation des Vorhandenen. Die Stadt wird nicht neu erfunden, sondern weitergeschrieben. Das Spektakuläre liegt im Bestand. Dieses schlafende Potenzial gilt es wachzurütteln.

Text / Regula Lüscher
Fotos / ZUsammenKUNFT e.G.; Gordon Welters; Thomas Meyer; Anke Illing