Magazin der Schüßler-Plan Gruppe
Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand
Die Auguste‑Viktoria‑Klinik blickt auf mehr als ein Jahrhundert bewegter Entwicklung zurück. Im Jahr 1912 als Kinderheim gegründet und 1913 als Kinderheilanstalt eröffnet, stand zunächst die Behandlung junger Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt. In den 1960er-Jahren wurde die Einrichtung in ein orthopadisches Fachkrankenhaus umgewandelt.
Die bauliche Entwicklung der Klinik war immer eng mit ihrem medizinischen Wachstum verknüpft. Seit dem Umbau ab 1964 wurde der Bestand schrittweise erweitert – unter anderem um OP‑Bereiche, technische Orthopädie und Therapieflächen. Bis heute wurde der Standort kontinuierlich erweitert, modernisiert und strukturell neu ausgerichtet, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden.
Alle Versorgungsbereiche effizient vereint
Die Auguste‑Viktoria‑Klinik steht aktuell vor einem der größten Modernisierungs- und Erweiterungsprojekte ihrer Geschichte, um den Standort zu einem zukunftsfähigen und zentralen medizinischen Zentrum auszubauen. Die Mühlenkreiskliniken haben beschlossen, das bisher am Krankenhaus Bad Oeynhausen angesiedelte medizinische Angebot (wie Endoskopie, Zentrale Notaufnahme, allg. Innere und allg. Chirurgie) an der Auguste‑Viktoria‑Klinik zu bündeln.
Die Umsetzung erfolgt durch Neubauten, Umbauten sowie die weitere Nutzung vorhandener Gebäudeteile. Ziel ist es, Synergien im Bestand zu nutzen, um funktionale Abläufe zu optimieren und bauliche Eingriffe effizient zu gestalten. Die Erweiterung gliedert sich in zwei Gebäudekomplexe, die beidseitig an den historischen Altbau anschließen. Im Osten entsteht ein neues Bettenhaus mit Haupteingang und Cafeteria. Im Westen ergänzt ein U‑förmiger Neubau den vorhandenen Gebäudebestand zu einem kompakten Untersuchungs- und Behandlungstrakt. Hier wird der Liegendkrankeneingang integriert, wodurch kurze Wege und optimierte Abläufe für die Notfall‑ und Patientenlogistik entstehen.

Projektdaten
Auftraggeber
Auguste-Viktoria-Klinik GmbH
und Mühlenkreiskliniken ÄöR
Architektur
Tiemann-Petri Koch Planungsgesellschaft mbH
Freie Architekten BDA
Technische Daten
BGF Gesamt: 31.012 m²
BGF Neubau: 16.406 m²
BGF Umbau: 3.775 m²
BGF Altbau: 10.831 m²
Leistungen Schüßler-Plan
Tragwerksplanung
Bestandserkundung
und -bewertung
Abbruchplanung
Feingefühl
Um die Bauzeit kompakt zu organisieren und die Gebäude während der Baumaßnahme weiterhin nutzen zu können, erfolgt die Umsetzung in Bauetappen. Eine besondere Herausforderung stellt die Erweiterung und strukturelle Anpassung des OP-Bereichs dar. Für diese Arbeiten ist eine präzise Tragwerksplanung elementar, da Lastabtrag, Deckendurchdringungen und Anschlussdetails genau auf die vorhandene Gebäudestruktur abzustimmen sind. Parallel dazu müssen alle TGA‑Systeme – insbesondere Lüftungs‑, Medien- und Versorgungsschächte – so integriert werden, dass sie kompatibel mit den bestehenden Leitungswegen und Schächten bleiben.
Umschlussarbeiten, TGA‑Provisorien sowie statisch erforderliche Verstärkungsmaßnahmen werden so abgestimmt, dass Stillstandzeiten kurz und planbar bleiben und der Klinikbetrieb – insbesondere der OP-Betrieb – bestmöglich geschützt wird.
Heterogene Baustrukturen
Der konstruktive Brandschutz in den unterschiedlichen Bestandsgebäuden der Klinik stellt eine besondere Herausforderung dar, da die Gebäude über Jahrzehnte hinweg erweitert, umgebaut und neu organisiert wurden. Unterschiedliche Baualtersklassen und Konstruktionen treffen hier aufeinander.
Die Betondeckungsmessung fand an den relevanten Bauteilen mittels einer induktiven Messmethode statt, bei der ein elektromagnetisches Verfahren zur zerstörungsfreien Ermittlung der vorhandenen Betondeckung zum Einsatz kommt. Der quantifizierende Nachweis zur Beurteilung der maßgeblichen Schwellwerte konnte gemäß den Vorgaben des DBV‑Merkblatts „Betondeckung und Bewehrung“ normgerecht und nachvollziehbar geführt werden. Trotz dieser heterogenen Baustrukturen muss ein Sicherheitsniveau erreicht werden, das heutigen Anforderungen entspricht, ohne den laufenden Klinikbetrieb zu beeinträchtigen.
Flexibel und umnutzungsfähig
Alle Neubauten entstehen als fugenlose Massivbauten. Als Tragkonstruktion kommt eine Stahlbetonskelettbauweise mit unterzugsfreien, punktförmig gestützten Stahlbetonflachdecken zum Einsatz. Das flexible Tragsystem ermöglicht, dass die Gebäude flexible und umnutzungsfähige Grundrisse aufweisen, um so auf langfristig sich ändernde Anforderungen der medizinischen Entwicklung zu reagieren.
Die Bodenplatte wird aufgrund des hohen Grundwasserstandes als bewehrte Stahlbetonplatte in WU-Bauweise hergestellt, ebenso wie alle erdberührenden Bauteile des Untergeschosses. Bei der Höhenlage des Untergeschosses wurde die Überflutungsgefahr des naheliegenden Kokturkanals berücksichtigt und die Technikräume daher überwiegend als Dachzentralen konzipiert.
Die Anbindung der beiden Neubauten an die Bestandsgebäude erfordert zudem eine abgestimmte Tragstruktur, die das unterschiedliche Verformungs- und Tragverhalten beider Baukörper berücksichtigt. Bereichsweise werden bestehende Fundamente mit neuen Lasten höher belastet und Reserven ausgenutzt.
Für neue Funktionsanforderungen wie etwa Flurverbindungen, Erschließungswege, OP-Logistikflächen oder Technikschächte müssen in Wänden oder Decken größere Öffnungen geschaffen werden. Da dadurch bestehende Lastpfade geschwächt werden, kommen Verstärkungen wie Stahlträger oder Stahlrahmen zum Einsatz. Decken, Wände, Unterzüge und Stützen werden – sofern statisch geeignet – weiterhin für die Ableitung von Vertikal- und Horizontallasten genutzt. Grundlage hierfür ist eine Bestandsaufnahme und Tragwerksdiagnostik, bei der Betondeckung, Bewehrungsanteile, Materialgüte und mögliche Schädigungen bewertet wurden, um die Tragfähigkeitsreserven korrekt zu bestimmen.