Magazin der Schüßler-Plan Gruppe
Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand
Das vom Architekten Stephan Braunfels geplante und 2003 eröffnete Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (MELH) befindet sich im Regierungsviertel von Berlin zwischen Adele Schreiber-Krieger-Straße und Schiffbauerdamm. Es beherbergt das wissenschaftliche Dienstleistungszentrum des Deutschen Bundestages mit der Parlamentsbibliothek, der Geheimschutzstelle mit dem Archiv für Verschlusssachen und das Parlamentsarchiv. Mit dem Erweiterungsbau wird das sogenannte „Band des Bundes“ als symbolische Verbindung der einst getrennten Teile Berlins bis an die Luisenstraße fortgeführt.
Millimetergenau
Das konstruktive Nadelöhr war die Schnittstelle zwischen Bestandsgebäude und Neubau. Der Rückbau der Ostfassade erfolgte unter Berücksichtigung der Standsicherheit, der Witterungsaspekte sowie hoher Sicherheitsanforderungen. Die darauffolgende Errichtung des Neubaus war ebenso sensibel: Die Tragstruktur musste so mit dem Bestand verzahnt werden, dass Flucht- und Rettungswege sowie betriebsrelevante Bestandsanlagen permanent funktionsfähig blieben.
Das unterirdische Erschließungssystem bildet die logistische Lebensader der Parlamentsbauten. Da dieses in der Errichtungsphase des Bestands allerdings nicht tragfähig für zusätzliche Lasten der späteren Erweiterung dimensioniert wurde, musste der Lastabtrag des Neubaus über Teile des Bestandes in zwei Stufen realisiert werden. Zum einen wurde während der Rohbauerstellung temporär ein hydraulisch gesteuertes Pressensystem installiert, das die Vertikallasten des Neubaus kontrolliert über den Bestand in dessen Gründung einleitete. Diese Pressen wurden millimetergenau nachgestellt und kontinuierlich messtechnisch überwacht, um Setzungen und Verformungen frühzeitig detektieren zu können. Ergänzend dazu wurde ein Überwachungsmonitoring mittels digitalem Schlauchwaagenmesssystem sowie kontinuierlicher Erschütterungsüberwachung etabliert. Parallel dazu wurden endständige Kapselpressen eingebaut, die nach Rohbaufertigstellung zur Umlagerung der Lasten aus den Hydraulikpressen aktiviert wurden. Aufgrund der hohen technischen Komplexität und des großen Risikos für den Bestand wurde für dieses Verfahren eine Zulassung im Einzelfall beantragt, genehmigt und umgesetzt.

Eine besondere Herausforderung stellten jene Bauphasen dar, die ausschließlich nachts oder an Wochenenden realisiert werden konnten und teilweise die temporäre Sperrung des unterirdischen Erschließungssystems erforderten. Diese Eingriffe verlangten eine präzise Vorbereitung und frühzeitige Abstimmung mit Bundestagsverwaltung, Sicherheitsdiensten und der betrieblichen Logistiksteuerung – insbesondere im Hinblick auf Betriebsrisiken und Sicherheitsfreigaben.

Sicherheit im Fokus
Ein weiterer besonderer Schwerpunkt lag auf der technischen Kopplung des Neubaus mit den Bestandsliegenschaften. Die Einbruch- und Brandmeldeanlage, Lüftungstechnik, Entrauchung und Sicherheitsstromversorgungen sowie die Gebäudeautomation und Energietechnik wurden etappenweise mit den weiteren Bestandsliegenschaften beziehungsweise mit den Kopfzentralen im Reichstagsgebäude verbunden. Hierzu waren definierte Zuschaltfenster, interimistische Betriebszustände sowie vorgezogene Funktionstests notwendig, um eine unterbrechungsfreie Verfügbarkeit der sicherheitskritischen Systeme für den Parlamentsbetrieb zu gewährleisten.
Raum für Großes
Die große Halle im Bestandsgebäude MELH wurde zu einer Versammlungsstätte für 1.200 Personen ausgebaut. Der hierfür erforderliche Maßnahmenkatalog umfasste u. a.:
Kunst wird Bistro
Die Umnutzung einer Kunstausstellungsfläche und einer Sauna zu einem öffentlichen Bistro brachte neue funktionale und betriebssicherheitstechnische Herausforderungen mit sich. Neben der Nachrüstung sanitärer Einrichtungen sowie der Küchen-, Lüftungs-, Kälte- und Entwässerungstechnik war vor allem die Zugangsarchitektur entscheidend: Es wurden kontrollierte Übergänge zwischen öffentlichen Bereichen und dem gesicherten Parlamentsbereich geschaffen.
Integration in ein hochkomplexes Energiesystem
Die Erweiterung des MELH wurde in den Technikverbund Parlamentsbauten integriert. Dieser bündelt gebäudetechnische Anlagensysteme fast aller Parlamentsliegenschaften zu einem übergeordnet koordinierten Netzwerk.
Realisiert wurden:
Essentiell dafür waren umfangreiche vorgezogene Integrations- und Schnittstellentests
mit einem engen Monitoring während der Inbetriebnahmen, um die Betriebsfähigkeit der sicherheitstechnischen Infrastruktur des Bundestages nicht zu gefährden.
Ein verbindendes Element
Schüßler-Plan verantwortet das Projektmanagement über sämtliche Projektphasen und fungiert dabei als integratives Bindeglied zwischen allen Beteiligten.
Das Leistungsspektrum umfasst die Prozess-, Termin- und Risikosteuerung unter Berücksichtigung strenger Sicherheits-, Lärm- und Parlamentszeitfenster sowie das Schnittstellenmanagement. Ergänzend übernahm Schüßler-Plan Leistungen der Bauoberleitung zur Unterstützung der Objektüberwachung in besonders kritischen Projektphasen.
Das Projekt wurde unter erhöhten Sicherheitsauflagen durchgeführt: von Sicherheits- und Zutrittsüberprüfungen für das gesamte Baustellenpersonal über detaillierte Material- und Fahrzeuganmeldungen für die Einfahrt in das unterirdische Erschließungssystem bis hin zur Errichtung einer bauzeitlichen einbruchshemmenden Trennwand als temporäre, videoüberwachte Außenhaut des Deutschen Bundestages. Zudem durften baubetriebsrelevante Tätigkeiten mit möglichen Risikoauswirkungen ausschließlich in sitzungsfreien Zeiten stattfinden; lärmintensive Arbeiten waren auf Abend-, Nacht- und Wochenendzeitfenster begrenzt und wurden durch beispielsweise mobile Schallschutzkabinen oder emissionsarme Geräte unterstützt. Alle diese Rahmenbedingungen erforderten eine ebenso präzise wie flexible Termin- und Prozesssteuerung, die Parlamentskalender, betriebliche Sicherheitsvorgaben sowie gewerkeübergreifende Abhängigkeiten zu einem belastbaren und durchführbaren Ablaufmodell verband.
Zum Ganzen zusammenlaufen
Die Erweiterung des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses verdeutlicht, wie technische Kompetenz, organisatorische Disziplin und sicherheitsorientiertes Stakeholdermanagement in einem politisch sensiblen Umfeld zu einem funktionierenden Ganzen zusammenlaufen. Die erfolgreich realisierte Schnittstelle zwischen Neubau und Bestand, die Ertüchtigung zur Versammlungsstätte, die gastronomische Öffnung sowie die Integration in den Technikverbund Parlamentsbauten belegen die Leistungsfähigkeit eines von Ingenieur*innen geführten Projektmanagements.