Magazin der Schüßler-Plan Gruppe
Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand


Wer heute über das Bauen mit Bestand spricht, spricht über mehr als das Instandsetzen alter Strukturen. Es ist eine anspruchsvolle ingenieurtechnische Aufgabe, die Präzision verlangt und Gestaltungsanspruch mit Verantwortung verbindet. Wir arbeiten an Gebäuden und Infrastrukturen, die längst Teil des Alltags sind und gestalten zugleich eine Baukultur, die Ressourcen respektiert und Zukunftsfähigkeit ernst meint.
Konrad Adenauers Satz, „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“, beschreibt, worum es geht: Jedes Bauwerk erzählt eine Geschichte, manche klar dokumentiert, andere verborgen hinter Putz und Fundament. Deshalb gehört die gründliche Erkundung der Substanz zu den wichtigsten ersten Schritten: analysieren, bewerten, präzisieren und immer wieder mit dem abgleichen, was vorhanden ist.
Strukturen und Nutzungen verändern sich, Materialien altern, technische Standards entwickeln sich weiter. All das müssen wir einordnen und in funktionale, sichere Lösungen überführen. Tragwerk, Materialverhalten, Geotechnik, Erdbebensicherheit, Brandschutz – es gibt kaum einen Bereich, der bei Bestandsprojekten unberührt bleibt.
Oft treten auch versteckte Herausforderungen auf: Schadstoffe in Putzen, Dämmungen oder Installationen, unklare Bauweisen oder fehlende Dokumentationen. Ohne systematische Analyse und belastbare Konzepte ist keine seriöse Planung möglich – insbesondere dann, wenn Nachhaltigkeit bereits im Bestand ansetzt. Konsequenterweise stellt sich daher immer auch die Frage, welche Materialien sich verantwortungsvoll zurückbauen und normgerecht in den Bauprozess zurückführen lassen. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn der Bestand neue Funktionen übernehmen soll. Wenn aus einem Büro ein Wohnraum wird, aus einer Verwaltung Gastronomie oder aus einem technischen Gebäude eine Eventfläche, geht es um temporäre Abfangungen oder geänderte Gründungsanforderungen, lokale Nachgründungen oder statische Ertüchtigungen. Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, ein Bauwerk als Ganzes zu verstehen, seine Tragstruktur, seine sensiblen Bereiche und seine Potenziale.
Überall dort, wo Bestandsstrukturen ernst genommen und weitergedacht werden, entsteht etwas, das ein singulärer Neubau selten leisten kann: Tiefe, Charakter und eine gewachsene Beziehung zum Stadtraum. Vergangene und aktuelle Projekte der Schüßler-Plan Gruppe wie das Fürst & Friedrich in Düsseldorf, die Victoriahöfe in Berlin oder das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg sind geprägt von Sorgfalt, Augenmaß und Entscheidungskompetenz. Und der Umgang mit Bestand wird uns angesichts der aktuellen Entwicklungen wie steigender Kosten, anspruchsvoller Klimaziele und des Fachkräftemangels noch stärker fordern. Gleichzeitig bewegen wir uns in Rahmenbedingungen, die sich eher verdichten als vereinfachen. Wissenstransfer und ein lösungsorientierter Austausch zwischen allen Beteiligten werden damit zu wesentlichen Voraussetzungen für den Projekterfolg.
Bauen im Bestand bedeutet demnach, Entscheidungen unter Voraussetzungen zu treffen, die das bestehende Bauwerk mitbringt. Qualität und gute Lösungen entstehen nicht im idealisierten Plan, sondern mit einem klaren gemeinsamen Projektziel und im präzisen Umgang mit dem, was vorhanden ist – mitsamt aller Eigenheiten, Grenzen und Potenziale.
Gerade in einer Zeit knapper werdenden Ressourcen sollten wir dieses Potenzial nutzen. Zukunft entsteht dort, wo wir das Vorhandene verstehen und mit ingenieurtechnischer Klarheit weiterentwickeln. Nicht gegen den Bestand, sondern aus ihm heraus mit Verstand.
