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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand

Artikel l Korridorsanierung

Korridorsanierungen der Deutschen Bahn

Spricht die Deutsche Bahn von „Korridorsanierung“, so meint sie damit mehr als die klassischen Arbeiten im Bestand. Denn dieses Konzept steht für einen radikalen Strategiewechsel.

Wenn wir unsere Kompetenzen bündeln, stärken wir nicht nur jedes einzelne Projekt, sondern auch unser gesamtes Unternehmen.

Gerd-Dietrich Bolte
Vorstand Infrastrukturplanung und -projekte, DB InfraGO 

Hochbelastete Streckenabschnitte der Deutschen Bahn (DB) werden für mehrere Wochen beziehungsweise Monate komplett gesperrt und in dieser Zeit grundlegend erneuert. Statt die Reisenden über Jahre hinweg mit immer neuen Baustellen zu beeinträchtigen, setzt der Konzern auf einen konzentrierten Kraftakt. Gebündelt, gewerkeübergreifend und aus einem Guss: Gleise werden während der Korridorsanierungen ebenso erneuert, wie Weichen, Oberleitungen, Leit- und Sicherungstechnik, Stellwerke, Bahnhöfe und Bahnsteige.

Technisch also anspruchsvoll. Genau wie der organisatorische Aspekt, denn zahlreiche Gewerke und Zulieferer müssen in eng getakteten Zeitfenstern koordiniert werden. Dies funktioniert nur mit entsprechenden Bau- und Logistikprozessen. Zugleich ist eine enge Abstimmung mit dem Bund, den Ländern, den Aufgabenträgern, den Eisenbahnverkehrsunternehmen sowie der Bauindustrie notwendig. Darüber hinaus muss ein umfassendes Verkehrskonzept entwickelt werden, das teils großräumige Umleitungen und Ersatzverkehre auf der Straße vorsieht. Denn auch während der Streckensperrung muss gewährleistet sein, dass Reisende und Güter ihre Ziele zuverlässig erreichen können. Dies setzt nicht zuletzt eine frühzeitige und transparente Kommunikation voraus.

Die erste Korridorsanierung fand im Jahr 2024 auf der Riedbahn zwischen Frankfurt am Main und Mannheim statt. Fünf Monate lang war die rund 70 Kilometer lange Strecke, die mit täglich bis zu 400 Zügen des Fern-, Nah- und Güterverkehrs zu den meistbefahrenen in Deutschland zählt, für die gewerkeübergreifenden Bauarbeiten gesperrt. In dieser Zeit erneuerte und modernisierte die für den Betrieb des Schienennetzes zuständige DB InfraGO zahlreiche Infrastrukturanlagen wie Gleise, Weichen, Signale, Stellwerke und Bahnhöfe. Währenddessen fuhren die Fern- und Güterzüge auf Umleitungsstrecken; für die täglich bis zu 16.000 Fahrgäste der Regional- und S-Bahnen hatte die DB Regio 150 neue Busse für den Schienenersatzverkehr (SEV) angeschafft.

Was mich an den Korridorsanierungen besonders fasziniert, ist die Tatsache, dass nicht einfach nur der Bestand erneuert, sondern sowohl baulich als auch in Bezug auf die Digitalisierung ein Standard für die nächsten Jahrzehnte gesetzt wird.

Paula Wagenbach
Geschäftsführende Gesellschafterin, Schüßler-Plan

Der Ansatz bleibt ambitioniert: monatelange Sperrungen heute für einen robusteren Betrieb morgen. Doch nach Jahrzehnten wachsender Auslastung und zunehmender Störanfälligkeit sehen wir in der Korridorsanierung den notwendigen Schritt, um das Schienennetz dauerhaft robuster und leistungsfähiger zu machen.

Gerd-Dietrich Bolte
Vorstand Infrastrukturplanung und -projekte, DB InfraGO 

Erste Effekte der Korridorsanierung sind bereits sichtbar: So hat sich die Pünktlichkeit der Regionalzüge deutlich verbessert, der Pünktlichkeitsverlust im Fernverkehr ist gesunken und die modernisierten Bahnhöfe sowie weniger Störungen sorgen für einen stabileren Betrieb.

Zugleich brachte das Pilotprojekt wichtige Erkenntnisse für die anstehenden Korridorsanierungen: Beispielsweise müssen Abnahmeprozesse überprüft und angepasst werden, der Wissenstransfer gewährleistet sein und mehr interne und externe Kapazitäten aufgebaut werden, um das umfangreiche Projektportfolio der kommenden Jahre zu bewältigen.

Die Korridorsanierungen bilden für die Branche ein attraktives, langfristiges Programm, dessen Umsetzung eine enge und abgestimmte Kooperation spezialisierter sowie qualifizierter Fachkräfte voraussetzt. Bauingenieur*innen, Expert*innen für Leit- und Sicherungstechnik, Betriebsplaner* innen und Spezialist*innen für die Erstellung von Umleitungs- und SEV-Konzepten müssen bei solch hochkomplexen Systemprojekten Hand in Hand arbeiten, gemeinsam planen und auf digitale Werkzeuge zurückgreifen, um Schnittstellen und Risiken frühzeitig zu erkennen.

Auf Engpässe bei Planungs- und Baukapazitäten sowie der Verfügbarkeit spezialisierter Baufirmen und bestimmter Materialien hat die DB InfraGO bereits mit einer vorausschauenden Bündelung von Vergabepaketen, frühzeitigen Ausschreibungen und dem klaren Fokus auf die Korridorsanierung und die Erneuerung des Bestandsnetzes reagiert. So einfach das Grundkonzept der Korridorsanierungen und der Erkenntnisgewinn aus vorangegangenen Projekten bei der Umsetzung künftiger Maßnahmen ist – jedes Projekt bleibt einzigartig. Denn je nach Region und Strecke müssen das Netz, die Bahnhöfe, die Logistik und die Umleitungsverkehre gesamthaft und individuell betrachtet werden.

Maßnahmen wie die Korridorsanierungen bedeuten, dass die Planung nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern von Beginn an auch Bauabläufe, Logistik, Sperrpausen und der Betrieb mitgedacht und mitgeplant werden müssen. Unser Anspruch ist es immer, die Systemverantwortung zu übernehmen.

Paula Wagenbach
Geschäftsführende Gesellschafterin, Schüßler-Plan

Korridorsanierungen sollen jedoch nicht nur die Substanz erneuern, sondern den Strecken zudem einen Digitalisierungsschub bringen. So ist bei mehreren anstehenden Korridorsanierungen die Um- und Hochrüstung auf elektronische Stellwerke geplant, um so die Voraussetzungen für eine spätere Ausrüstung mit dem einheitlichen europäischen Zugbeeinflussungssystem ETCS zu schaffen.

Neben den Korridorsanierungen braucht es langfristig einen konsequenten Aus- und Neubau der Infrastruktur, um die Kapazitäten auf der Schiene zu erhöhen. Zum einen durch den Bau zusätzlicher Gleise, zum anderen mit der Ertüchtigung bisher wenig genutzter oder stillgelegter Infrastruktur. Im Vorfeld der Korridorsanierung Hamburg–Berlin wurde beispielsweise eine Nebenstrecke ertüchtigt, um dort während der Vollsperrung eine zusätzliche Umleitungsstrecke für Materialtransporte und Regionalverkehr zu schaffen. Für die Resilienz des gesamten Schienennetzes braucht es aber neben alternativen Routen auch zusätzliche Weichenverbindungen, Überleitstellen und Überholgleise. Diese werden – wo immer es möglich ist – im Rahmen der Korridorsanierung mit eingeplant und eingebaut.

Jeder fertiggestellte und modernisierte Korridor trägt mittel- bis langfristig dazu bei, die Stabilität im Betrieb und die Pünktlichkeit der Züge zu verbessern. So soll bis zum Abschluss des Korridorsanierungsprogramms im Jahr 2036 aus dem derzeit hochbelasteten Netz schrittweise ein neues „Hochleistungsnetz“ entstehen.

Text / Keith Egloff
Fotos / Deutsche Bahn AG/Oliver Lang; Dawin Meckel/OSTKREUZ; Deutsche Bahn AG/Oliver Lang