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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 26 | 2026 Bauen mit Bestand

Dialog l Stadt und Seele

Städte, die unter die Haut gehen

Wenn nicht mit dem Bestand, sondern gegen ihn gebaut wird, führt das in vielen Städten zu einem Verlust von Einzigartigkeit. Laut der Landschaftsarchitektin und Urban Designerin Robin Winogrond löschen städtische Umgestaltungen oft die Seele der Orte. Standardisierung kann generische Stadträume erzeugen, die wenig mit menschlicher Erfahrung, Emotion oder Erinnerung zu tun haben. Wie kann Stadt wieder ausdrucksstärker, lebendiger und bedeutungsvoller werden? Und wie können Planer*innen dieser negativen Entwicklung entgegenwirken?

Sie sagen, dass das Einzigartige immer mehr durch das Austauschbare ersetzt wird. Wo sehen Sie das besonders?

An den Rändern der Städte erwarten nur wenige Menschen Orte mit Qualitäten, die faszinieren. Dort bestimmen Investoren weitgehend, was gebaut wird. Die Folgen dieser generischen Entwicklung sind hier besonders sichtbar, aber derselbe Stil dringt zunehmend auch in Innenstädte und gewachsene Viertel ein. Schon in den 1970erbis 1990er-Jahren hatten wir eine Phase, in der die Verkehrsplanung viele Städte zu unnahbaren Orten verändert hat. Heute sehen wir eine ähnliche Standardisierung im öffentlichen Raum: Katalog-Loungemöbel, ein paar Bäume, einheitliche Betonplatten. Das Ergebnis ist, dass jeder Platz gleich aussieht und uns kein ortsspezifisches Erlebnis bietet. So wird die Stadt als spannender Ort für die Gesellschaft geschwächt.

Was passiert, wenn Städte überall gleich aussehen?

Städte sind Orte, die zu uns sprechen, die überraschen und unsere Vorstellungskraft anregen sollen. Aber immer mehr unserer städtischen Umgebungen, selbst der historischen, lösen weder Interesse noch Freude oder gar Emotionen aus. Viele Gebäude, die beispielsweise feine Details, alte Materialien und belebte Erdgeschosszonen aufweisen, schaffen Identität und berühren die Menschen. Leider diskutieren wir selten, warum diese Qualität verloren geht.

Was verhindert, dass Städte individuell und originell bleiben?

Ein Teil des Problems entstand, als die Stadtplanung immer stärker der autogerechten Verkehrsplanung und den Marktkräften überlassen wurde. In vielen Ländern verlor die öffentliche Hand an Einfluss, während private Entwickler immer machtvoller wurden. Dabei haben selbst spekulative Projekte früher oft reich verzierte Straßenräume mit sorgfältig gestalteten Eingängen, Balkonen und Erdgeschossen geschaffen. Die Frage ist, wie dieses Thema stärker im professionellen Diskurs verankert werden kann.

Hängt die Qualität oder Originalität der Stadt davon ab, ob man mit oder ohne den Bestand baut?

Es gibt kein Rezept, aber es geht darum, authentische Identitäten zu schaffen. Qualitäten des Bestehenden zu erkennen und einzubeziehen, ist dabei essenziell. Welche Rolle kann Geschichte spielen? Natürlich kann ein neues Gebäude auch ohne historischen Bezug die Qualität eines Ortes steigern. Aber es gibt auch Fallen: Oberflächliche Kopien oder Checklisten-basiertes Design können generische Ergebnisse erzeugen. Städte planen und bauen erfordert Sensibilität, Aufmerksamkeit und Beobachtung. Entscheidend ist, die Quellen menschlicher Erfahrung zu identifizieren: Was trägt zur Vielfalt, Vorstellungskraft und emotionalen Wirkung einer Stadt bei? Was geht unter die Haut? Das macht eine Stadt lebendig. 

Welche Rolle spielt Planung oder deren Fehlen?

Die klassische europäische Stadt schafft Lesbarkeit: ein kohärentes Verständnis des Stadtgefüges, in dem die Gebäude auf landschaftliche Situationen und die urbane Struktur reagieren, während kulturell wichtige Bauten Schlüsselpositionen einnehmen. In einer lesbaren Stadt können Menschen am urbanen Erlebnis teilnehmen. Ungeplante Städte können ebenfalls Reichtum, Kontraste und Überraschungen erzeugen. Das Problem entsteht, wenn einige wenige Investoren ganze Viertel kontrollieren und große Projekte bauen, ohne die Identität des Ortes zu berücksichtigen. Wenn wir beliebig bauen, wird die Stadt zu einem Mosaik aus identitätslosen und unzusammenhängenden Ideen und kann nicht das bieten, wozu sie eigentlich fähig ist.

Inwieweit geht es um die Verbindung verschiedener Maßstäbe?

Städte sprechen uns auf verschiedenen Ebenen an: Es gibt die intime Stadt und die große, monumentale Stadt – beide können starke Erlebnisse erzeugen. Ein extremes Beispiel ist Brasília: monumental geplant, mit riesigen Achsen und klarer Struktur. Doch selbst dort entsteht Leben im Kleinen – die Menschen schaffen Märkte, Stände, kleine Läden, Straßencafés. Es ist entscheidend, dass große Strukturen und menschliche Maßstäbe zusammenwirken. In sterilen Städten, insbesondere Straßenräumen, die aus eintönigen Fassaden entstehen, fehlt dieser Raum zur alltäglichen Entfaltung, und genau das macht sie schwerfällig.

Wo liegt die Balance zwischen Nostalgie und Innovation?

Wir müssen verstehen, was an einem Ort wirklich zählt. Ich nenne das „geographische Wiederverzauberung“: eine Bindung an Orte zu schaffen, ohne in bloße Nostalgie zu verfallen. Oberflächliche Anspielungen wirken nostalgisch, aber der Bezug zu landschaftlichen Alleinstellungsmerkmalen, Geschichte oder Traditionen kann der Stadt eine einmalige Stimme geben. Wichtig ist, unterschiedliche Ansätze zu kombinieren, um Räume reich und bedeutungsvoll zu gestalten.

Warum sind Emotion und Atmosphäre im Diskurs oft abwesend?

Seit der Renaissance herrscht ein starkes Augenmerk auf Rationalität als höchstem Wert. Alles sollte logisch und geordnet sein, weg von der „mittelalterlichen Irrationalität“. Später traten Ornament, Detail und Ausdruck oft zugunsten von Reduktion und Ordnung in den Hintergrund.

Ein stückweit erleben wir aber glücklicherweise mittlerweile ein Umdenken hin zu mehr Kultur und Identität. Welche Rolle spielt dabei die Vorstellungskraft?

Sie ist entscheidend dafür, wie wir Städte und Landschaften erleben. Sie entsteht an der Schnittstelle zwischen unserer inneren Welt und der Umgebung. Durch die Vorstellungskraft können Orte Erinnerungen, Gefühle, Sehnsüchte und Neugier wecken. Alte Bäume, unregelmäßige Straßen oder ausdruckskräftige Viertel tragen maßgeblich bei, lebendige Stadträume zu schaffen. Wenn Natur, Kultur und Vorstellungskraft zusammenspielen, berühren Städte uns wirklich. Ohne diesen emotionalen Aspekt wirken sie oft kalt und leer.

Wie lässt sich verhindern, dass Bauen nur nach Kostenlogik passiert?

Sobald das Bauen auf die Logik eines „Kastens“ reduziert wurde, ließ sich alles, was zusätzliche Kosten verursachte, leichter eliminieren. Dennoch zeigen zeitgenössische Praktiken, dass es anders geht mit durchdachten Gebäuden, die mit der Stadt in Dialog treten. Es sollte unsere Verantwortung sein, Städte so zu gestalten, dass sie Identität erhalten.

Wie können Planer*innen dem negativen Trend entgegenwirken?

Es gibt großes Potenzial, wenn Fachwissen, Vorstellungskraft und Ausbildung kombiniert werden. Ingenieur*innen, Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen können ihre Fähigkeit, Orte zu lesen, dazu nutzen, den Alleinstellungsmerkmalen und dem emotionalen Gehalt eines Raums gerecht zu werden. Von Brücken über Gebäude bis zu öffentlichen Räumen. In ihren jeweiligen Disziplinen können sie selbstbewusst Schönheit schaffen. Leider werden diese Fähigkeiten in der Ausbildung oft als zu irrational oder überflüssig ausgeklammert, sodass Studierende sie nicht erfahren. Viele leisten bereits großartige Arbeit, aber sie erreicht selten akademische oder öffentliche Aufmerksamkeit. Der Fokus sollte darauf liegen, selbst banale oder „hässliche“ Orte poetisch und emotional erfahrbar zu machen. 

Interview / Marie Bruun Yde
Foto / Linus Bill