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Magazin der Schüßler-Plan Gruppe

Ausgabe 22 | 2024 Alles klar!

Artikel | Bauen im Bestand

Perspektiven schaffen

Die Revitalisierung von Bestandsgebäuden gewinnt nicht nur aus baukulturellen, sondern auch aus ökologischen Aspekten an Bedeutung. Welche nachhaltigen Strategien für klimafreundliche Bauweisen im urbanen Raum gibt es?

Die Bauwirtschaft wurde in der jüngsten Vergangenheit für rund 40 Prozent der klimaschädlichen Emissionen weltweit verantwortlich gemacht. Dies resultiert aus den betriebsbedingten CO2- Emissionen von Bauwerken und aus den zur Errichtung von Bauwerken erforderlichen großen Mengen an Energie für Herstellung, Transport und Entsorgung von Baumaterialien, den sogenannten grauen Emissionen. Betrachtet man die größten Emissionsquellen, wird deutlich: Ein Schlüssel für Klimaschutz beim Bauen liegt im Erhalt bestehender Bausubstanz. Studien zeigen, dass damit bis zu 60 Prozent der grauen Emissionen im Vergleich zu Neubauwerken eingespart werden können.

Bauen im Bestand erfordert Kompromisse. Nicht alle gewünschten Veränderungen oder Verbesserungen können umgesetzt werden, ohne den Charakter oder die Integrität des bestehenden Gebäudes zu verändern. Die Einhaltung energetischer Standards und notwendige Ertüchtigungsmaßnahmen beim Brandschutz führen häufig zu raumfordernden Technikeinbauten, wodurch Bestandsflächen und Geschosshöhen reduziert werden und sich abzuleitende Lasten auf die Tragkonstruktion erhöhen.

Realistische Erwartungen sind ebenso wichtig wie flexible und lösungsorientierte Planungs- und Bauprozesse. In vielen Fällen kann durch sorgfältige Planung und kooperative Zusammenarbeit mit Expert*innen und Behörden eine erfolgreiche Balance zwischen den Anforderungen des Projekts und den Gegebenheiten des Bestands erreicht werden.

Der Anfang von etwas Neuem

Eine erfolgreiche Revitalisierung erfordert bereits vor dem eigentlichen Projektstart eine sorgfältige Abwägung, umfassende vorbereitende Planung und Analyse des Vorhabens. Diese beginnt zunächst mit der Bedarfsermittlung aller am Prozess Beteiligten sowie der Erstellung eines Konzeptes mit Raum- und Funktionsprogramm. Dazu gehören auch die Sichtung von umfangreichen Bestandsunterlagen in verminderter Qualität, sorgfältige Untersuchung der vorhandenen Bausubstanz, vermessungstechnische Bestandsaufnahmen sowie zusätzliche Material- und Bauteiluntersuchungen. Mögliche Gefahrstoffbelastungen der Bestandsgebäude und Kontaminationen im Baugrund sind durch Sachverständigengutachten zu identifizieren, Sanierungskonzepte müssen erarbeitet und im Vorfeld der Baumaßnahme umgesetzt werden.

Drohnen, Laserscan und Werkzeuge der zerstörungsfreien Prüfung unterstützen heute schon dabei, Bestandsgebäude zu erfassen, zu verstehen und sie entsprechend der Bedarfe zu transformieren. Die Ermittlung von baurechtlichen Potentialen und Einschränkungen gehört ebenso wie die Aufklärung rechtlicher Aspekte, beispielsweise hinsichtlich Denkmalschutzauflagen, zur sorgfältigen Projektvorbereitung. Nur unter Berücksichtigung dieser besonderen Aspekte beim Bauen im Bestand können realistische Ziele, Kosten und Zeitpläne für die Planungs- und Bauprozesse erarbeitet werden.

Auch im Portfolio von Schüßler-Plan hat die Anzahl an Revitalisierungsprojekten zugenommen – sowohl generell als auch speziell im Projektmanagement, wie beispielsweise die Projektsteuerungen für das Mark 51°7 in Bochum, die Stiftung Reinbeckhallen – Sammlung für Gegenwartskunst in Berlin oder auch die Sanierung der Hauptverwaltung der Deutschen Rentenversicherung Hessen „Zukunft Städelstraße“ in Frankfurt.

Wichtige Aspekte beim Bauen im Bestand


Bestandsanalyse

Gründliche Analyse des Bestandsgebäudes, um den Zustand der Tragkonstruktion, der Gebäudehülle, der Materialien und der Installationen zu bewerten.


Bautechnische Herausforderungen

Unzureichende, nicht mehr genehmigungsfähige Tragkonstruktionen in statischer und brandschutztechnischer Hinsicht, Verformungen des Gebäudes, seiner Gründung oder des Baugrundes, bauzeitliche Mängel oder nutzungsbedingte Schäden sowie bauphysikalische Defizite.


Altlasten und Schadstoffe

Untersuchungen auf Gefahrenstoffe in den Bestandsbaumaterialien und Altlasten im Baugrund vor Beginn der Planungs- und Bauprozesse. Bei positivem Befund müssen entsprechende Sanierungsmaßnahmen geplant und im Vorfeld der eigentlichen Baumaßnahme durchgeführt werden.


Bestandsschutz und Denkmalschutz

Veränderungen und Umbauten müssen nach besonderen Vorschriften genehmigt und die Denkmalschutzbehörden frühzeitig involviert werden. Es gilt, das charakteristische Erscheinungsbild der historischen Bauwerke und des Umfelds zu erhalten.

Text / Sibylle Geppert 
Fotos / Marc Schützendorf